Wie regulieren Berufsschüler ihren Lernprozess?

Eine empirische Untersuchung subjektiver Lernkonzepte und kognitiver Lernstrategien in der Teilzeitform der Berufsschule im Ausbildungsberuf Bürokaufmann/-frau

Köller, Charlotte

kassel university press, ISBN: 978-3-86219-216-8, 2012, 293 Seiten

URN: urn:nbn:de:0002-32176

Zugl.: Kassel, Univ., Diss. 2012

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Inhalt: Im Rahmen dieser Arbeit werden inter- und intraindividuelle Unterschiede des Einsatzes kognitiver Lernstrategien bei der Bearbeitung von ökonomischen Lernaufgaben und deren Zusammenhang mit subjektiven Lernkonzepten als regulative Instanz auf das Lernverhalten untersucht.

Die forschungsleitende Frage „Wie regulieren Berufsschüler ihren Lernprozess?“ wird durch die Frage „Was verstehst Du unter »Lernen«?“ um die Schülerperspektive auf das eigene Lernen und die eigene Sicht auf „guten“ Unterricht erweitert. So können Rückschlüsse auf die Regulationsmöglichkeiten der Schüler im Rahmen des selbstregulierten Lernens in der Schule gezogen werden.

Den theoretischen Kontext bilden Theorien zum selbstregulierten Lernen, wobei insbesondere die reflexiven und metakognitiven Aspekte der Modelle im Mittelpunkt stehen. Einen weiteren Zugang bieten die subjektiven Lernkonzepte. Lernen kann als subjektiv erlebbares Konstrukt verstanden werden. Die Vorstellung über den eigenenen (erfolgreichen) Lernprozess in der Schule dient als grundlegende Voraussetzung zum selbstregulierten Lernen. Als dritten Bezugspunkt werden die theoretischen
Konzeptualisierungen von Lernstrategien herangezogen, um eine Verbindung zwischen dem selbstregulierten Lernen auf der einen Seite und den subjektiven Lernkonzepten der Schüler auf der anderen Seite herzustellen.

An der empirischen Untersuchung nahmen insgesamt 28 Berufsschülerinnen und Berufsschüler teil, die sich am Anfang ihrer kaufmännischen Ausbildung befanden. Für die tätigkeitsnahe Erhebung der Lernstrategien wurde eine Aufgabe gewählt, in der detailliert eine simulierte Ausgangssituation für eine betriebliche Entscheidung beschrieben wird. Es werden ökonomische Fragestellungen der Materialwirtschaft angesprochen.

Die Beispielaufgabe, welche in Lernpartnerschaften bearbeitet wurde, soll dazu dienen, Strategien erkennbar zu machen, welche Lernende einsetzen, wenn sie vor einem (didaktisch gestalteten) Problem stehen. Diese Arbeitsphase wurde per Videokamera aufgezeichnet. Die kommunikative Auseinandersetzung mit der Aufgabe ist im Gegensatz zu den intern ablaufenden Prozessen beobachtbar, sodass die Analyse der Lernhandlungen in Interaktion mit anderen Lernenden einen wesentlichen
Zugang zu den Lernstrategien der Lernenden darstellt. Die Videodaten wurden mit Techniken der qualitativen Inhaltsanalyse (Mayring 2003) ausgewertet. Die Idee, Aufgaben als Analyseinstrumente für den Lernprozess von Lernenden zu verwenden, beruht auf der Erkenntnis, dass Lernstrategien auf die Bewältigung von Aufgaben gerichtet sind und somit im Umkehrschluss auch im Kontext konkreter Aufgaben erfasst werden können.

Im Anschluss an die Bearbeitung wurden die Schülerinnen und Schüler zu ihrer Herangehensweise bei der Aufgabenbearbeitung befragt, sodass eine individuelle Einschätzung des eigenen Verhaltens bei der Aufgabenbearbeitung die Erhebung erweitert. In der Analyse der Äußerungen – unter Rückgriff auf Techniken der Grounded Theory – konnten grundlegende Elemente der individuellen Vorstellungen zum eigenen Lernen herauskristallisiert werden, die mögliche Schlüsse auf die subjektiven
Lernkonzepte der Lernenden zulassen. Insgesamt konnten vier unterschiedliche subjektive Lernkonzepte hinsichtlich der Schüleransprüche an den Unterricht und an das Lernen in der Berufsschule charakterisiert werden. Diese lassen sich anhand der drei Dimensionen „Lerntätigkeit“, „zeitliche Reichweite“ und „Rollenverständnis“ differenzieren.

Es konnten jedoch kaum Zusammenhänge zwischen den Lernstrategien und den subjektiven Lernkonzepten herausgearbeitet werden; d.h. es wurden keine lernkonzeptbezogenen Strategieprofile sichtbar. Dies ist ein überraschendes Ergebnis, da das Ausführen einer Lernaktivität erwartungsgemäß ein Verständnis oder eine Vorstellung der Lernaktivität voraussetzt. Auffällig ist weiterhin die Dominanz des eher funktionalen Lernstrategieeinsatzes. Es wurden zwar metakognitive Strategien
verwendet, welche dazu dienten, am Ende der Bearbeitung zu prüfen, ob die Aufgabe als abgeschlossen gelten kann, allerdings kamen kaum regulative Strategien zum Einsatz, auch wenn eine Regulation aufgrund der Überprüfung notwendig gewesen wäre.

Forschungsbedarf besteht m. E. insbesondere darin, zu klären, inwiefern Lernstrategien als ein stabiles, inhaltsunabhängiges Konstrukt konzeptualisiert werden können. Ein weiteres Problem bezüglich der theoretischen Fundierung der subjektiven Lernkonzepte besteht darin, dass sie noch zu wenig in theoretische Modelle der Lehr- Lernforschung und dort insbesondere in Modelle des selbstregulierten Lernens integriert sind. Vor dem Hintergrund der Forschungsergebnisse empfiehlt sich eine Erweiterung
des selbstregulierten Lernens um die Schülerperspektive auf Basis theoretisch fundierter und empirisch überprüfter Ansätze.

Abschließend kann festgestellt werden, dass die empirische Untersuchung Anknüpfungsmöglichkeiten für weitere Studien bietet, die sich insbesondere in den Fachdidaktiken einordnen lassen können. Auch wenn in der vorliegenden Untersuchung der fachdidaktische Aspekt nur am Rande beleuchtet wurde, zeigen die Ergebnisse der Studie, dass Lernstrategien und subjektive Lernkonzepte immer an einen konkreten Kontext gebunden werden müssen, um zu zuverlässigen Ergebnissen zu gelangen.

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