Intervalle - Schriften zur Kulturforschung

Intervalle sind Abstände zwischen Tönen oder Zahlen. Sie markieren variable Zwischenräume, aber auch Zwischenzeiten. Es gibt sie in geschlossenen wie in offenen Relationen.

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Begründet vom
Wissenschaftlichen Zentrum für Kulturforschung der Universität Kassel
Herausgegeben von
Stefan Greif und Winfried Speitkamp

Kulturwissenschaftliche Analysen haben es mit veränderbaren Intervallen zu tun: mit Brüchen und Zäsuren, aber auch mit wiederkehrenden Motiven im Selbst- und Problemverständnis einer Epoche. Doch anders als in der Musik oder Mathematik läßt sich das kulturelle Phänomen der Gleichzeitigkeit von Krise und Kontinuität nicht exakt datieren oder definieren. Denn Erfahrungen wie Entwürfe von kulturellen Umbrüchen oder Übergängen werden als solche erst mit der Moderne thematisch, d.h. zum Dauerproblem der Reflexion. Und daß darüber hinaus die Empirie solcher Krisen oder Kontingenzen nicht losgelöst ist von eben jenen Theorien, Modellen oder gar Visionen, die sie diagnostizieren, kompliziert gewiß den Sachverhalt: Die historische Relativität eignet nicht mehr nur dem Beobachteten, sondern ebenso der Beobachtung selbst.

Solche Beschränkung im Wandel der symbolischen Formen in Alltag, Kultur und Wissenschaft zeigt sich stets und notgedrungen als blinder Fleck in Bildern, Figuren und Diskursen, in oftmals unbemerkt restriktiven Äußerungsformen und Systementwürfen, die gleichwohl - oder gerade deshalb - das Feld der sozialen wie kulturellen Erfahrung von Problemen oder gar Krisen zu steuern vermögen. Lesbar, und damit dechiffrierbar, werden solche Muster, Metaphern oder gar Wissensformen an sogenannten Krisensymptomen oder -themen einer Epoche. Doch erst eine historisch vergleichende Forschung vermag zu unterscheiden, was an ihrer Fragestellung neu und was nur maskierte Verschiebung alter Probleme genannt werden darf. Wiederkehrende Muster sind u.a.: die technische Rationalität als Bedrohung des Menschen oder die Verselbständigung der instrumentellen Vernunft gegenüber der Natur, die künstliche (medial inszenierte oder manipulierte) Welt der Affekte, Gefühle und Bedürfnisse gegenüber ihrer (verlorenen) Unmittelbarkeit oder Authentizität, der Widerspruch zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft, Endzeitstimmungen versus Aufbruchsvisionen.

Die mit dieser - unregelmäßig erscheinenden - Schriftenreihe beabsichtigte Rekonstruktion solcher Krisensymptome hat keinen musealen, sondern einen unmittelbar aktuellen Zeitbezug: Die im Sinne historischer Anthropologie um vergleichende Distanznahmen bemühten Analysen der Brüche und Wiederholungen im zeitgenössischen Denken und Wahrnehmen von Problemlagen sollen dazu beitragen, die dringlichen gesellschaftlichen und auch politischen Fragen im Rahmen einer genuin kulturwissenschaftlichen, d.h. offenen Epistemologie der Gegenwart formulieren zu können. Dies kann nur als interdisziplinäre Anstrengung gelingen. Eröffnet werden daher die Schriften zur Kulturforschung mit einer Reihe von Vorträgen, Tagungsbeiträgen und Forschungsstudien, die den Differenzen und Verschiebungen maßgebender Diskurs- und Wissensformen nachzugehen versuchen.

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